Meine Mitreisenden lasse ich am morgen zur Brücke an den WuLie-River allein losziehen, während ich noch etwas versuche zu schlafen. Bin beruhigt, dass meine Mitreisenden mir mitteilen, dass ich keinen Zug verpasst habe und der Gang erfolglos war. Nach einem Frühstück mit einer Nudelsuppe, die mir zum Morgen auf nüchternen Magen etwas Überwindung kostet, gehen wir zum Hauptbahnhof. Ich mache ein Foto eines einfahrenden Personenzuges mit einer DF4, im Hintergrund die Stadtkulisse mit einem ca. 40stöckigen Hochhaus (Bild 1).
Anschließend noch einige Fotos mit Bahnpersonalen, eine Schlafwagenschaffnerin schaut mit versteinerter Miene in die Kamera. Danach begeben wir uns mit Bus dem in die Nähe des Stahlwerkes. Erst ein Blick in den Rangierbahnhof Shuangtashan im Vorfeld. Irgendein offizieller kommt mit einem Audi herangefahren und beäugt uns misstrauisch. Wir fahren über eine Schlaglochpiste in das am Stahlwerk gelegene Dorf. Inmitten eines bunten Markttreibens steigen wir aus dem Kleinbus. Florian drängt uns erstmal in Richtung Stahlwerk, für touristische Fotos des Markttreibens in einem Slumähnlichen Viertel nehmen wir uns erst auf dem Rückweg Zeit. Da der Bahnhof des Stahlwerks unter starker Bewachung steht und wir nicht offiziell gemeldet sind, warten wir am Bahndamm bis eine Dampflok des Werks in unserer Nähe vorbeifährt. Der Wachposten hat uns noch nicht entdeckt, schnell wieder unter der Brücke verschwunden und in die Nähe eines Flusses, den die Werkbahn auf einer langen Brücke quert. Hier haben wir den nächsten Dampfzug abgewartet. Dann gehen wir an einer Brauerei vorbei zurück in das Dorf und besichtigen den Markt in den Gassen. Ein Treiben der urigsten Art, Berge von Gewürzen auf Tücher gekippt, daneben in einem Hauseingang werden gerade Schafe geschlachtet, die Köpfe liegen noch bluttriefend vor dem Hauseingang gestapelt. Plötzlich will Florian in einem Hauseingang verschwinden, ein Internet-Cafe (Bild 7).
Etwas überraschend hier in diesem Getümmel, die Kisten in den chinesischen Internetcafes sind antiquiert. Eine Stunde surfen kostet soviel wie damals 2001 bei T-Online die Minute im DSL-Tarif. Aber bei den Ladezeiten, ist für eine kurzen Überblick über das aktuelle Geschehen schnell eine Stunde vergangen. Die Inhalte des Internet werden von einer staatlichen Zensurbehörde gefiltert, aber aufhalten lässt sich damit die Verwestlichung des Landes nicht. Im China des Jahres 2001 lässt sich eine Koexistenz von kommunistischen und frühkapitalistischen Strukturen beobachten. Wir werden in den nächsten Jahren sehen, wohin diese Entwicklung führt.
Wir fahren zurück an die Steilrampe unterhalb der beiden Tunnel und nehmen einen bergwärts fahrenden Zug auf. Dann im Abendlicht wieder zurück an die WuLie-River-Brücke und der Versuch einen Zug aufzunehmen. Doch was ist heute los? Der Wasserstand etwa zwei Meter höher als am Vortag, irgendwo wurde eine Staustufe geöffnet, eine Unterführung steht in der Nähe unter Wasser Stau in der Stadt. Bei bestem Abendlicht gelingt unser Foto, schnell einen Kleinbus gesucht, der uns hoch an die Strecke fährt. Bei Aussteigen stoße ich mir den Kopf heftigst an, dieses Fahrzeug ist für Asiaten bemessen. Keuchend kommen wir oben am Bahndamm an. Schnell in Position gegangen und mit starken Tele den bergwärts fahrenden Zug aufgenommen (Bild 11).
Doch was ist dass?, auf einem Güterzug sitzen einige Herren, entweder bewachen Sie die Ladung, bei Rohstoffen eher ungewöhnlich. Vermutlich sind es Schwarzfahrer. Hinter der Dampflok durch die Tunnel, da bekommt der Begriff Schwarzfahren seine trefflichste Entsprechung. Damit endet unser Abstecher an die legendäre Stahlwerksbahn von Chenge, bereits ein Jahr später wurde die Strecke verdieselt und wird von der Landkarte der Bahnfreaks radiert werden. Die nächste Nacht gehen wir an Bord eines Zuges nach Chifeng. Ca. 4 Stunden reisen wir in einem Hard-Sleeper, einem Liegewagen mit offenen 6er-Abteilen. Zum Schlafen komme ich mal wieder kaum. Gegen drei Uhr morgens nähern wir uns Chifeng, die Schaffnerin verweist mich schon eine Viertelstunde vorher unmissverständlich deutlich des Abteils.
In der Bahnhofhalle von Chifeng verbringen wir die Zeit zwischen drei und fünf Uhr. Auf den nicht gerade zum Schlafen geeigneten orangen Plastikschalensitzen versuche mit der Fototasche als Kopfkissen eine Schlafposition zu finden. Irgendwie ist die Situation recht skurill, vier Europäer mitten in der Nacht in einer Bahnhofshalle abseits aller touristischen Ströme in Chinas Hinterland. Die anwesenden Chinesen stehen mit offenen Mündern und großen Augen um uns herum und kennen keinen Diskretionsabstand. Während wir versuchen der Nacht noch etwas Schlaf abzuringen, treten Sie auf 50 cm Entfernung an uns heran, nur gut, dass wir die Kommentare gegenseitig nicht verstehen... Gegen fünf öffnen sich endlich die Bahnsteigsperren, die Chinesen stürmen auf den Perron als geht es um Ihr Leben, dabei ist der Zug nach Yebaishou überraschend leer. Eine angenehme Zugfahrt dem Sonnenaufgang entgegen mit Frühstück an Bord. Nach Ankunft in Yebaishou schnell einige Fotos gemacht. Der Gepäcktransport auf den Bahnhof wird mit einer pferdebespannte Karre abgewickelt. Die Stadt Yebaishou ist der letzte Einsatzort von einem Dutzend der legendären Dampflokomotiven der Reihe QJ (Fortschritt). Diese Maschinen kommen hier auf steigungsreichen Strecken vor Güterzügen zum Einsatz. Ein kurzer Erkundungsgang um den Bahnhof dann Weiterfahrt nach Gongyingzi, der nächsten Station an der Strecke nach Chadyang. Auf dem Dorfbahnhof ausgestiegen, fährt uns am nächsten Bahnübergang schon ein Güterzug mit einer QJ über den Weg. Notdürftig ein Motiv gesucht, dann begeben wir uns an die freie Strecke. Es folgt eine von Sonnenblumen umrahmte Brücke die wir als Fotomotiv auserkoren haben.
Nach kurzer Wartezeit kündigt sich ein Güterzug bespannt mit zwei QJ an (Bild 12), das nette Motiv im Kasten, wollen wir noch einen weiteren Zug abwarten, bei seitlicherem Licht ist die Brücke besser ausgeleuchtet. Doch jetzt wird ein Brückenwärter unserer ansichtig, wild fluchend werden wir vertrieben. Man könnte meinen, hier kommt in Kürze ein Zug mit Prototypen neuer chinesischer Militärtechnik vorbei. In der Hektik lasse ich meine Sonnenbrille liegen. An diesem Tag ist die Sonne unerbittlich heiß, es werden wohl 40 °C im Schatten sein. Kaum ein Busch oder Baum spendet Schatten. Zwischendurch werden einige Züge mit gemischter Bespannung fotografiert, meist hängt eine DF4-Dampflok der QJ vorgespannt. Einmal stürze ich und meine F4 geht zu Boden, aber die Kamera ist das robusteste was Nikon auf dem Markt hat. Eine verbeulte Gegenlichtblende, die Technik arbeitet unversehrt weiter, Glück gehabt.
Mir kommt es recht, dass wir anschließend ein Dorf queren, wo wir etwas Wasser und Obst kaufen. So wie wir an einem Marktstand stehen kommt ein Pulk von Menschen und starrt uns mit offenen Mündern an. Für einige hier sind wir sicher die ersten Exemplare einer hellhäutigen Menschenrasse, die sie zu Gesicht bekommen. Wir werden für Russen gehalten. Schuld daran ist wohl das staatliche Fernsehen. Auf den zensierten Programmen in der Provinz erscheinen Europäer meist in Form des ehemaligen russischen Bruderlandes. Die durchquerte Siedlung besteht neben den herkömmlichen Lehmütten aus einer Plattenbausiedlung, die wohl erst wenige Jahre alt, aber schon mehr als abgewohnt ist. Immobilien verschleißen in China schnell, aber es stört wohl niemanden. Auf der Straße ein meterhoher stinkender Müllhaufen, kompostierbarer Müll gemischt mit Plastikabfällen. Der Verpackungsmüll zog erst in den letzten Jahren massiv über China her, noch bestehen kaum Entsorgunsketten und Verwertungskreisläufe. Weiter geht es an der Strecke in Richtung Boluochi. Beim Warten auf die nächsten Züge werden wir von Kindern mit einer Herde Esel neugierig beäugt. Nach einer Weile trauen Sie sich heran. Wohl zum ersten Mal bewundern sie sich von Sebastian Digitaltechnik aufgezeichnet selbst auf dem Display. Wir wandern weiter in Richtung einer Landstraße, vorher kommt uns noch ein Güterzug mit einer älteren QJ über den Weg. Bei der extremen Hitze und nach drei Nächten fast ohne Schlaf bin ich ausgebrannt, wie schon lange nicht mehr. Nur gut das an der Landstraße nach 30 Minuten ein Bus nach Yebaishou kommt. Er ist schon restlos besetzt, dank der Notsitze finden wir aber alle eine Ecke. An Bord musikalisch Umrahmung mit meditativen chinesischen Weisen. Wir kommen zurück nach Yebaishou, eine furchtbar staubige Provinzstadt mit skurillen als Pinguin verkleideten Müllbehältern an jeder Ecke. Ein Gang folgt zum streng bewachten Bahnbetriebswerk. Da ich mich strikt weigere, wieder zum Bahnhofsplatz zurückzutrotten, ordern wir zwei Motorrikschas die uns in halsbrecherischer Weise zwischen Lkws durchgequetscht zum Bahnhof fahren. Wir kehren in ein einfachstes Lokal am Bahnhof ein. Die ganze Familie springt um unseren Tisch, für billigstes Geld wird aufgetischt. Wir haben leider nur wenig Zeit bis zur Weiterfahrt. Ich bekomme, so benommen wie ich an dem Tag bin, kaum einen Bissen hinunter. In der Abenddämmerung nehmen wir im Zug Platz. Die Temperatur am Abend geht schnell zurück, ich lasse mir einen kräftigen Jasmin-Tee brühen, langsam kehren meine Lebensgeister zurück. Am späten Abend rollen wir in Chifeng ein, das Bahnhofsumfeld ist festlich illuminiert. Wir finden ein halbwegs passables Hotel, ich besorge mir noch etwas hochprozentigen Reisschnaps. Damit ich endlich eine Nacht durchschlafen kann, kippe ich mir eine Flasche von dem Zeug hinter. Am Morgen endlich mal halbwegs ausgeschlafen.
Der Morgen beginnt für uns recht zeitig, das übliche Ritual mit dem Kauf der Tagesverpflegung. Dann geht es wieder auf Tour. Heute geht es nach Jing-Peng an den nach der Stadt benannten Pass-Abschnitt der JiTong-Eisenbahn. Abfahrt soll gegen 7:00 Uhr sein. Auf dem Weg zum Busbahnhof in Chifeng ersetze ich noch die am Vortag verlorene Sonnenbrille. Am Busbahnhof angekommen finden wir ein unübersichtliches Gewirr von Bussen aller Größenordnungen vor. Florian erledigt den Ticketkauf und wir stellen fest, dass mehrere Busse an unser Ziel fahren. Nach dem wir unsere Fahrtziel kundtaten, und uns auf einen der in Frage kommenden Busse zu bewegten, fielen mehrere Busfahrer auf uns ein, um uns in Ihren Bus zu locken. Aber wir ließen uns nicht weiter beeindrucken. Im ersten Bus angekommen verstauen wir unser Gepäck, doch was spielt sich draußen ab? Eine Handfeste Prügelei zwischen den Busfahrern, die auch vor einer Frau nicht halt macht. Irgendwann kommt man dennoch zur Abfahrt. Der Bus ins sieben Stunden entfernte JingPeng ist schon voll, doch irgendwie werden in den Vororten noch eine Reihe von Chinesen hereingepresst. Über staubige und menschenleere Straßen führt die gemächliche Fahrt weiter in den Norden, hinein in die autonome Provinz Innere Mongolei. Nach etwa der Hälfte der Fahrt eine kurze Rast in einem kleinen Ort, in dem wie hier überall nur Landwirtschaft und Ziegeleien zu finden sind. Der Bus wird von Lebensmittelverkäufern umgarnt, das Toilettenhaus erweist sich als unbenutzbar, also noch 4 weitere Stunden bis JingPeng ausharren. Am zeitigen Nachmittag kommen wir dem Ziel näher und werden den gewaltigen Brückenbauten am Kehrviadukt bei SiMingYi ansichtig. Angekommen in JingPeng haben wir keine große Mühe ein für chinesische Verhältnisse gutes Hotel zu finden. An der zentralen Straße mit vielen Läden und Restaurants schlagen wir unsere Zelte auf. Im Gegensatz zu Reshui am anderen Ende des Pass-Abschnittes steht Jing-Peng nicht im Ruf von Mafia-Banden, die ausländischen Bahnfotografen Geldbeträge abnehmen, bevölkert zu sein.
Nach einer kurzen Erfrischung machen wir einen Erkundungsgang an die Strecke oberhalb der Stadt. Es wird deutlich, das bis zum Bahnbau der 1995 vollendet wurde, hier nur ein verschlafenes Dorf existierte. Erst mit der Bahn entstanden Gebäude, die sich von den einstöckigen Hütten abheben. Ein Erschließungsvorgang, der in heimischen Gefilden ein Jahrhundert früher ablief. Vorbei an einem alten Tempelbauwerk ist die Strecke erreicht. Ein Güterzug mit zwei Dampflokomotiven der Reihe QJ, von denen mehr als 100 Stück zum Reisezeitpunkt auf der JiTong-Line den Gesamtverkehr abwickeln, lässt nicht lange auf sich warten (Bild 13). Danach haben wir als nächstes Fotoziel eine große Brücke westlich von Jing-Peng herausgesucht.
Florian geht die Strecke entlang, wir kürzen durch den Ort ab. Wir klettern an der Brückenboschüng entlang nach oben. Neben der Brücke sind überdimensionale Parolen in Stein gehauen. Anschließend überqueren wir den mit ca. 40 m Höhe und 1000m Länge beachtlichen Viadukt zu Fuß. Ein Fotostandpunkt am anderen Ende ist schnell gefunden. Zunächst nur ein Gegenzug, doch nach ca. zwei Stunden Wartezeit kommt im besten Abendlicht ein gigantischer Kesselzug über den Viadukt gerollt (Bild 14). Recht träge begeben wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Es kommt uns gerade recht, dass uns Einheimischer mit seinem Lastendreirad ein Stück mitnimmt. Am Abend wieder ein zünftiges Essen mit regionalen Spezialitäten, dazu Bier und etwas Reisschnaps. So langsam finde ich auch meinen Schlafrhytmus wieder.