Etwas geschafft von der durchwachten Nacht treffen wir am morgen in Peking ein. Am Bahnhof werden als Souvenir noch einige chinesische Fahrpläne erstanden. International Gäste können wir eine komfortable Lounge nutzen, wie man Sie in auf deutschen Bahnhöfen kaum vorfindet. Dort machen wir uns frisch, ich entsorge einen Großteil der auf der Reise getragenen Kleidungsstücke um das Rückreisegepäck zu erleichtern. Bei derartigen Touren sollte man entweder mit ultrarobuster Kleidung antreten oder gezielt die Gelegenheit nutzen, den Kleiderschrank zu entrümpeln. Wir geben unser Gepäck auf, um noch drei Stunden zur Besichtigung des Platzes des himmlischen Friedens und der umliegenden Anlagen zu nutzen, bevor wir zum Flughafen fahren. Mit brechend vollen Linienbussen fahren wir im Berufsverkehr durch die Stadt. Die Größe des Platzes des himmlischen Friedens ist beeindruckend, genauso die 16-spurige Straße an der Seite (Bild 1). Weitere Details möchte ich an dieser Stelle nicht loswerden, die stehen in jedem Reiseführer.
Am Platz haben wir uns kurz getrennt, ich habe mich in der verbleibenden Zeit der Großen Halle des Volkes gewidmet. Als Besonderheit an diesem Tag wird davor eine Siegerehrung für einen Sportwettkampf vorbereitet, bei der auch der Staatspräsident einen Auftritt haben soll. Es fahren LKW-Ladungen mit Friedenstauben heran. Wer kann in diesem Moment ahnen, das wenige Stunden später in den USA die größten Terroranschläge der Geschichte stattfinden. Der Platz wird abgeriegelt irgendwie kommt man von außen nicht mehr herein, nur noch heraus. Mit der umfangreichen Fotoausrüstung hielt man mich für einen Reporter und ich hätte wohl drinnen bleiben können. Durch zahlreiche bürokratische Ausführungen erreichen wir recht knapp die Maschine nach Moskau.
Ich freue mich darauf, endlich etwas schlafen zu können, doch weit gefehlt. Mein Platz ist diesmal in der Mitte der fünfsitzigen Mittelreihe der Aeroflot Boeing 777. Die Platzabstände scheinen auf Chinesen zugeschnitten sein. Neben Chinesen sind in der Bussines und der First Class vor allem reiche Russen an Bord, die zum shoppen nach Peking fliegen. Hinzu kommt eine defekte Klimaanlage, die keine konstante Temperatur bringt. Im Wechsel wird kochend heiße und ca. 10°C kalte Luft eingeblasen. So ist man ständig mit umkleiden beschäftigt. Mal wieder nicht geschlafen, freue ich mich in Moskau die Maschine zu verlassen. Es ist wieder recht ruhig in Sheremetjevo. Auf einer Bank gegenüber einem Imbissstand bin ich einige Zeit eingeschlafen.
Nach einer Weile wird es hektisch um mich herum. Viele Leute schauen am Imbiss auf den die ganze Zeit laufenden Fernseher. Doch was wird dort gezeigt? Ein brennendes World Trade Center. Mein erster Gedanke, die Russen haben lange nach dem Ende des kalten Krieges noch immer schräge Ideen für Ihre Science-Fiction-Filme. So langsam kehren meine Lebensgeister zurück und ich realisiere, dass die Bilder reell sind. Es macht sich allgemeine Unruhe am Flughafen breit. Haben wir in den drei Wochen China ohne Nachrichten ein Stück Weltpolitik verpasst? Nein, die Bilder sind gerade erst Live aufgenommen. Da die Attentate mit Flugzeugen verübt werden, liegt auch auf dem Moskauer Flughafen ein ungute Spannung in der Luft, jede Menge Flüge werden gecancelt. Werden wir noch nach Deutschland zurückfliegen können? Nach einer peniblen Handgepäckkontrolle, bei der ich um meine belichteten Filme wegen der Röntgenstrahlung etwas bange können wir an Bord der schwach besetzen Maschine nach Frankfurt. Ich nutze die Gelegenheit mich etwas auszustrecken. Doch die kurze Passage nach Frankfurt gibt uns Rätsel auf, wie die Bilder aus den USA zu verstehen sind. Nach der Landung in Frankfurt wieder erhöhte Präsenz von Grenzschutz und Spezialeinheiten. Aber auch hier noch keine näheren Informationen zu den Terroranschlägen in den USA, nur verunsicherte Reisende von den gestrichenen und umgelenkten Flügen. Es kursieren Zahlen von bis zu 50.000 Todesopfern, wie sich später herausstellt, sind die Ausmaße geringer. Kurz nach Mitternacht erreichen wir den Bahnhof Frankfurt Süd, dort fährt der Nachtzug nach Dresden ab. Auf dem Bahnsteig treffe ich wieder auf Reisende, die eigentlich mit einem Flugticket in die USA gestartet sind und wieder zurück geschickt wurden. Der Liegesesselwagen hat eine defekte Heizung, so wird die Fahrt recht ungemütlich. Schon die dritte Nacht in der ich kaum ein Auge zu bekomme....