04.Sept :: Haoluku

Am Morgen heißt es Abschied nehmen vom Hotel im Zentrum von JingPeng, in den wir uns in den letzten Tagen ganz gut eingerichtet hatten. Mit einer Rikscha lassen wir uns mit unserem Gepäck an der Bahnhofstraße absetzen. Nach dem Haoluku-Trip wollen wir in der folgenden Nacht in der Nähe des Bahnhofes in einem Lüdian, einem sogenannten Stundenhotel nächtigen. Stundenhotel deswegen, weil man hier eine begrenzte Zeit, bis zur Abfahrt der in der Nacht verkehrenden Züge, nächtigen kann. Das Gepäck werden wir gleich los, bevor wir uns zum Bahnhof begeben. Dort steht längere Zeit ein Güterzug, die Zuglok nimmt Wasser und niemand macht Anstalten, die auf eine baldige Abfahrt hindeuten. Zeit für uns einige Fotos zu machen. Wir versuchen unser Glück und fragen den Schaffner nach eine Mitfahrt im Güterzugpackwagen. Da tagsüber am JingPeng-Passabschnitt keine Personenzüge verkehren, willigt er zähneknirschend ein. Wir besteigen den Cabose-Wagen, dort drin befindet sich nichts außer zwei Klappsitzen für die Fensterkanzeln. Auf beiden Seiten des Wagens ist eine offene Plattform. Einen Kanonenofen vermissen wir an Bord, dafür finden wir am Wagenboden eine Stahlbehältnis, in diesem wird wohl ab und zu ein offene Feuer bereitet, wie die herumliegende Asche vermuten lässt. Mit einem gewaltigen Ruck setzt sich der am Schluß eines langen Güterzuges laufende Packwagen in Bewegung. Der Schaffner gibt uns zu verstehen, dass wir uns von den Plattformen fernhalten sollen, um auf den Unterwegsbahnhöfen kein Aufsehen zu erregen. Im ist wohl nicht so ganz Geheuer mit vier Europäern an Bord. Mit einigen europäischen Bahnfotos, die wir Ihm überlassen und einem Trinkgeld halten wir Ihn bei Stimmung.

Nach einer reichlichen Stunde Fahrzeit erreichen wir gegen Mittag den Lokwechselbahnhof Haoluku. Diese Station im endlosen Nichts in der Einöde der Inneren Mongolei wirkt irgendwie gottverlassen. Nur ein paar Häuser für Eisenbahnbeamte am Bahnhof. Kilometerweit nur Einöde auszumachen. Wir steigen auf einen kleinen Hügel zwischen Bahnhof und Depot, von den sich das Geschehen im Bahnhof überblicken lässt, eine weitere weitere QJ kommt in den Bahnhof gerollt und rangiert etwas umher (Bild 7).

Bild 7: QJ 6689 bei Rangierfahrt im Bf Haoluku vor einer Gewitterfront, 04.09.2001

Wir suchen am Hügel Schutz vor dem aufkommenden Sandsturm. Es wird ungemütlich kühl und ein Gewitter kündigt sich an. Es wird Zeit in der kleinen Bahnstation zu verschwinden. Wir nutzen die Zeit des Gewitters für einen Besuch im Büro des Stationschefs. Der freundliche Herr bittet uns sogleich herein. Doch was ist das, im Büro ein Chefsessel am Schreibtisch, außer einem Telefon und einem Fernseher und einem kleinen Häufchen Zettel ist der Raum absolut kahl. Worin wird wohl der stundenlange Dienst in diesem Raum hier am Ende der Welt bestehen? Ein Blick aus dem Fenster lässt ahnen womit die hier Dienst tuenden den Kampf gegen die Langeweile ertragen. Ein Berg leerer Reisschnaps-Flaschen liegt unter dem Fenster. Aber dennoch zieht man es vor, uns einen Tee anzubieten. Bald darauf klart es auf. Wir treten hinaus auf den Bahnsteig, zwischenzeitlich ist ein weiterer Güterzug eingefahren. Die Lok wird gewechselt, Zeit einen Fotostandpunkt für die Ausfahrt des Zuges zu suchen. Ein Lampenmast von ca. 20 m Höhe am Ende des Bahnhofes bietet sich förmlich zur Besteigung an, ob uns die Bahnarbeiter den Zutritt genehmigen. Glück gehabt ich kann mit Florian auf die leicht schwankende Plattform klettern. Von hier oben hat man auch einen Blick auf das nahegelegene Bahnbetriebswerk, dem wir so gleich einen Besuch abstatten wollen. Weit kommen wir nicht, nach dem ich schnell noch ein paar Fotos der nahe dem Eingang stehenden QJ gemacht habe kommt ein deutlicher Rausschmiss, nichts zu machen.

Wir haben noch einige Zeit, bis uns der moderne Expresstriebwagenzug am Abend zurück nach JingPeng bringt. In der nähe des Bahnhofes finden wir einfache Bauernbehausung, die wohl ab und an auch von Eisenbahnern als Restaurant genutzt wird. Die ca. 30 Quadratmeter große Hütte, dient einer mehrköpfigen Familie als Wohnung, gleichzeitig dient Sie als Restaurant mit Küche wir lassen uns für billigste Preise einige vorzügliche Gerichte auftischen. Wohl das besten Essen, was wir auf unserer Reise einnahmen. Gegen 19:30 fährt dann der abendliche Expresszug mit dem neuen Triebwagen der Reihe NYJ 4007 als Zug 997 ein. Dieser moderne und bequeme Zug fährt auf der knapp 1000 km langen JiTong-Eisenbahn durch abgelegenste Landstriche und ist nur mäßig besetzt. Es gibt mehrsprachige Durchsagen und Infodisplays in den Wagen, die Toiletten sind vergleichsweise wenig versifft. Auch das Personal trägt schicke Uniformen, man wird an Stewardessen im Flugzeug erinnert. Kostendeckend ist der Triebzug wohl kaum. Die Gewinne werden auf der JiTong-Eisenbahn durch den umfassenden Dampfbetriebenen Güterverkehr erzielt. Das Hauptargument, warum die Jitong-Eisenbahn bis 2005 im Güterverkehr auf den Dampfbetrieb setzte, ist die billige chinesische Steinkohle. Diesel, respektive Erdöl ist ein teurer Rohstoff. So trifft man auf die einmalig paradoxe Situation, dass durch Dampfbetrieb ein hochmoderner stromlinienförmiger Dieseltriebzug subventioniert wird. Bald ist die Sonne untergegangen und wir erreichen den Bahnhof von JingPeng, bei Tageslicht bekommt man den Triebwagen am Pass nicht zu Gesicht. Wir suchen das Lüdian am Bahnhof auf wo wir kurz vor 4:00 Uhr am nächsten Morgen starten werden. Bis 1:00 liege ich in dem kahlen Raum, den lediglich ein Foto von Marlene Dietrich ziert wach und höre die Geräusche des Bahnhofes. Ich stehe noch mal auf, eine Toilette scheint diese Herberge nicht zu besitzen, so gehe ich den Garten.

05.Sept :: Lindong

Kurz vor 4:00 warten wir in der Bahnhofshalle auf den Personenzug in Richtung Osten, Lindong ist das Ziel unserer Fahrt. Als der Zug einläuft wird die Bahnsteigsperre geöffnet. Im schwach frequentierten Zug findet sich reichlich Platz sich noch mal auszustrecken. Bis zum Sonnenaufgang bleibt noch einige Zeit. Gegen 7:00 Uhr gibt es den ersten längeren Zwischenhalt in Linxi, dort nimmt unsere Maschine Wasser (Bild 10).

Bild 10: QJ 7007 im Bf Linxi mit Zug 6051, 05.09.2001

Durch das weite Land der inneren Mongolei verläuft unsere Fahrt in den erst wenige Monate alten Wagen der JiTong-Eisenbahn. Der nächste längere Zwischenhalt ist am späteren Vormittag in Daban, dem betrieblichen Zentrum der Strecke mit seinem bekannten Bahnbetriebswerk. Hier setzt sich die prächtig glänzende Paradelok QJ 6911 mit Ihren auf Hochglanz polierten Messinglettern an den Zug (Bild 11). Weiter geht die Fahrt nach Lindong wo wir gegen 13:00 Uhr eintreffen. Der Bahnhof liegt einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Wie eine wildgewordene Horde stürzen die Chinesen aus dem Zug um einen Platz in den auf dem Bahnhofsvorplatz stehenden Bussen zu ergattern, die uns ins Zentrum bringen. Lindong hat einen sehr eigenen Charakter, erinnernd an eine mittelalterliche Marktordnung sind in jeder Straße eine Menge von Läden des selben Gewerbes angeordnet, so gibt es auch ein Straße mit mehreren Internetcafes. Weiterhin fallen die zahlreichen Lautsprecher am Straßenrand auf. Aus diesen ertönen jeden Morgen sozialistische Parolen und Militärmusik.

Bild 11: QJ 6911 eine gepflegte Paradelok im Bf. Daban beim Lokwechsel, 05.09.2001

Zunächst suchen wir ein Hotel, um den Nachmittag wieder an der Bahnstrecke zu verbringen. Bald werden wir in einem einfachen und preiswerten Haus fündig. Doch kaum das wir zum auspacken kommen, klopft es energisch an der Tür, irgend ein Sicherheitsbeamter gibt uns zu verstehen das wir unverzüglich mitzukommen haben. Uns ist nicht mehr geheuer, auch Florian mit seinen zahlreichen Chinaerfahrungen kann sich keinen Reim darauf machen. Es ist wohl so eine Art regionaler Geheimdienst oder Staatssicherheit, er verdonnert uns in seinen Geländewagen zu steigen. Wo hin wird wohl die Fahrt gehen? Wir fahren in einen von außen uneinsehbaren Innenhof, der mit seinen Grünanlagen schon mal nicht wie ein Gefängnis oder eine Polizeiwache aussieht. Wir werden in die Lobby des Gebäudes geführte, es entpuppt sich als Hotel, dennoch ist gegenüber eine Art Polizeiwache oder Sicherheitsdienst untergebracht. Es ist wohl das einzigste Hotel, welches in Lindong für Ausländer zugelassen ist. Nicht nur die Lobby macht einen luxuriösen Eindruck auch die Zimmer sind sauber und gut ausgestattet und entsprechen in jeglicher Hinsicht "westlichem Standard". Der Preis ist auch o.K.. Nur was uns hier nicht gefällt, dass man hier unter ständiger Beobachtung ist, und die Zimmer mit Abhöranlagen ausgerüstet sind. Daher fällt der Entschluss die beiden folgenden Nächte in den einfachen Lüdians am Bahnhof zuzubringen leicht, zu mal wir dann direkt an der Strecke sind.

Wir schnappen uns ein Taxi zum Bahnhof, und verbringen den Nachmittag oberhalb der markanten schiefen Pagode nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof. Man könnte meinen, diese verwitterte Pagode steht schon seit Jahrhunderten auf dem gleiche Fleck doch weit gefehlt, das Bauwerk hat erst 30 Jahre auf dem Buckel. Permanent klingeln die Glocken an der Pagode im Wind, es dauert sehr lange bis ein Güterzug unterhalb der Pagode im Bahnhof ausfährt. Der Sonnenstand scheint schon recht frontal auf den Zug, so dass dieses Foto nur suboptimal gelingt. Am Abend fotografieren wir noch den Personenzug mit einer Parademaschine am Bahnhof. Danach geht es zurück ins Zentrum von Lindong. Dort bummeln wir noch durch die Marktstraßen mit den üppigsten und urigsten Angeboten allerlei verzehrbaren Getiers. Von Vögeln über Schlangen bis hin Insekten ist die Bandbreite der angebotenen Nahrungsmittel recht groß.