24./25.Aug :: Peking, Chengde

Am Abend vor der Abreise traf ich mich mit Sebastian, der zu den Mitreisenden gehört und weiteren Freunden zu einer entspannten Fahrt auf der dampfbetrieben Weisseritztalbahn. Damit wurden wir schon auf das Programm der nächsten Wochen eingestimmt. Der Flug ab Frankfurt sollte gegen 13:00 Uhr starten. So hieß es, mit dem ersten ICE gegen 6:00 in Dresden abzufahren. Pünktlich in Frankfurt angekommen gab es nur einzelne Probleme beim Check-In. Stefan, der aus Magdeburg zustieß musste noch mal umpacken. Ich lieferte mich einigen Diskussionen an der Handgepäckkontrolle, da ich die höher empfindlichen Filme nicht durchs Röntgengerät geben wollte, was mir z.T. gelang. Eine etwas abgetakelte Boeing 737 brachte uns mit typisch russischem Essen und zugehörigem Unterhaltungsprogramm nach Moskau-Sheremetjevo (SVO). Nach einer Schleife über die abendliche Stadt, hatten wir dort am internationalen Teil des Flughafens ca. 4 Stunden Zeit. Vom Betrieb her kommt man sich eher wie auf einem Provinzflughafen vor. Von den eigens für Moskau getauschten US-Dollars aßen wir zu Abend, bevor wir uns an Bord einer der beiden, zwei Jahre vorher eigens für die Relation Moskau - Peking angeschafften Boeing 777 begaben. Zum technischen Zustand der Maschinen mehr beim Rückflug. Nach einer infolge Zeitverschiebung kurzen Nacht, in der ich kein Auge zu bekam landeten wir nach dem Sonnenaufgang über der Wüste Gobi gegen Vormittag in Peking. Nach dem wir irgendwelche Quarantäne-Formulare mit erfundenen Angaben ausgefüllt haben, gab es großen Empfang. Aber der galt leider nicht uns, sondern zahlreichen mit unserer Maschine mitgereisten Sportlern, die zu einem internationalen Jugendwettkampf erwartet wurden. Nach einem letztmaligen Besuch halbwegs betretbarer sanitärer Einrichtungen zum Umkleiden (jetzt waren es 35°C), suchten wir uns einen Linienbus der uns ins südlich vom Flughafen gelegene Zentrum brachte.

Bild 2: Trolleybus-Station in der Nähe des Bahnhofes Beijing-Nan, man beachte den Fahrer beim Abnehmen des Stromabnehmers, Peking 25.08.2001

Durch gigantische Vorstädte mit bis zu 50stöckigen Wohnsilos erreichen wir die Nähe des in der Innenstadt gelegenen Bahnhofes Beijing-Than. Dort besorgen wir die Tickets nach Chengde der ersten Station auf unserer Reise. Hier können wir das erste Mal von so vielen Momenten auf der Reise von Florians Chinesisch-Kenntnissen profitieren. Englischsprechende Chinesen wird man wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen. Anschließend fuhren wir mit einem Bus in die Nähe des Bf. Beijing Nan.

Bild 3: Vorplatz des Bahnhofes Beijing-Nan beim warten auf dem Zug nach Chengde, Peking 25.08.2001

Da meine Mitreisenden angehende Verkehrsingenieure waren, erweckte auch ein am Weg befindlicher O-Bus-Bahnhof das Interesse (Bild 2). Am Nachmittag hatten wir erstmals Gelegenheit uns an ein typisch chinesischen Restaurant und die obligaten Essstäbchen zu gewöhnen. Das reichliche Abendessen mit dem 13 %-alkoholhaltigen chinesischen Bier, welches in 0,64 l-Flaschen ausgereicht wird, ist für mich neben den grandiosen Fotogelegenheiten der Reise ein täglicher Höhepunkt gewesen. Am Bf. Beijing-Nan, müssen wir auf dem vollen Vorplatz (Bild 3) auf die Abfahrt des Zuges nach Chengde warten.

Nach dem sich das Gatter zum Bahnsteig öffnet, steht der Zug zur Weiterfahrt nach Chengde schon bereit, eine klassische Garnitur der chinesischen Staatsbahn. Bespannt mit einer Diesellok der Reihe DF 4, wobei DF für Dong Feng = Ostwind steht. Die Maschine hat knapp 20 Wagen am Zughaken. Nach dem wir im recht vollen Zug noch Plätze Sitzplätze in einem Hard-Seater-Wagen ergattert haben, beginnt gegen 17:00 Uhr die ca. 280 km lange Zugfahrt Richtung Nordosten. Die Fahrt führt erst durch die Vorstädte, dann durch flaches Land, das im Spätsommer durch Sonnenblumenfelder und Maisanbau geprägt ist. Es wird hügeliger und kurz vor Sonnenuntergang rückt mehrmals die Große Mauer in Sichtweite. Da der enge Sitzplatz im vollen Zug nicht zum Schlafen geeignet ist, mache ich eine Erkundungstour durch den Zug. Wohl fast 40 Mann Personal scheinen an Bord zu sein. Dazu wird ein eigener Personalschlafwagen mitgeführt. Neben diversem Küchenpersonal und einer Schaffnerin für jeden Wagen begegnen mir auch zwei Zugpolizisten. Zum ersten Mal auf der Reise wird man beäugt wie ein Tier im Zoo, wenn man sich als hellhäutiger Europäer in den Hard-Seater verirrt. Individualtouristen sind mir in den 3 Wochen außerhalb von Peking und Datong nirgends begegnet. Auffällig die üppigen Gepäckstücke, die auf engstem Raum in den Sitzwagen mitgenommen werden. Säcke, Kisten und Lebensmittel in rauhen Mengen. Neben dem Speisewagen gibt es eine Lebensmittelverkäuferin, die mehrmals den Zug durchquert. Abfallbehälter sucht man an Bord vergebens. Entweder die Abfälle finden den Weg aus dem Fenster oder wie ein Schild im Wagen anordnet, sind die Abfälle auf den Boden zu werfen. Regelmäßig wird der Fußboden dann mit einem Strohbesen gefegt.

Gegen 22:30 kamen wir an der ersten Station unserer Reise in Chengde an. In Insiderkreisen bekannt für die steigungsreiche Bahn zum Stahlwerk oberhalb der Stadt, die in den nächsten Tagen unser fotografisches Jagdrevier wird. In unmittelbarer Nähe des Bahnhofes gehen wir in ein Hotel der Staatsbahn, wo wir ein 4er-Zimmer bekommen. Vermutlich steht die Herberge sonst Reisenden und Mitarbeitern der Staatsbahn zur Verfügung. Das Hotel weist den typischen Zustand vieler chinesischer Provinzhotels auf. Im Eingangsbereich Marmor und Messing, eine Treppe höher bröckelnder Putz und Kakerlaken. Das warme Wasser zum Duschen war um diese Zeit schon abgestellt, was aber nicht weiter störte. Gewöhnungsbedürftig für verwöhnte Mitteleuropäer eher der hygienische Zustand der Duschen und der Toiletten, die aus einem Loch im Boden bestehen und nicht etwa durch Kabinen getrennt sind. Auf dem Bahnhofsvorplatz schien man sich nicht mit Ampeln sondern Hupzeichen zu verständigen. Hinzu kamen einige Insektenstiche, der intensive Geruch diverser mobiler Imbissstände, die auf Fahrradanhängern oder sonstige Vehikeln transportiert wurden. Durch den Jetlag noch etwas aus dem Takt, habe ich schon die zweite Nacht mehr oder minder kein Auge zu bekommen.

26.Aug :: Chengde

Nach Sonnenaufgang schauen wir uns um und bekommen einen ersten Eindruck von der Topographie der Umgebung. Der Kaiserliche Sommerpalast als Wahrzeichen ist über der Stadt zu entdecken (Bild 4). Wir beginnen den Tag mit der Erkundung des Bahnhofumfeldes.

Bild 4: Bahnhof-Vorplatz Chengde, über der Stadt ist der kaiserliche Sommerpalast zu sehen, 26.08.2001

Da es noch etwas dunstiges Wetter ist, drängt keine Eile zum Fotografieren. Gewöhnungsbedürftig das Frühstück, eine üppige Nudelsuppe. Ich ziehe dann doch lieber dieses überzuckerte Backwerk vor, was mich zusammen mit Bananen und äpfeln in den nächsten Wochen von morgens bis nachmittags ernährt. Es gilt die richtige Balance zu finden zwischen dem abführenden Obst und dem stopfenden süßen Brot. Nach dem wir den Tagesbedarf an Wasser und Nahrungsmitteln besorgt haben, beginnen wir die erste Tour an die Bergstrecke zum Stahlwerk. Zwischen Stahlwerk und Stadtzentrum verkehren fast im 5-Minuten-Takt Kleinbusse, deren Fahrer um uns werben. Als Europäer fahren Sie uns wie Zirkustiere durch die Stadt. Wir verlassen den Bus am Ende der Vorstadt, gehen durch ein slumähnliches Viertel und klettern entlang der Strecke empor. An einem Aussichtspunkt auf die Strecke richten wir uns zum längeren Verweilen ein. Ich nicke ein, werde aber nach nicht allzu langer Zeit von einem Güterzug geweckt. Es bahnt sich ein optisch und vor allem akustisches Schauspiel an. Eine Maschine der Reihe JS an der Spitze, mit dreizehn Wagen und zwei Schublokomotiven, die den Zug die Steile Rampe im Schritttempo hinaufdrücken. Der mit schwerem Magnesium beladene Zug wird gleich in einem Tunnel verschwinden bevor er den Scheitelpunkt der Strecke erreicht.

Bild 6: JS 6227 auf der Steilrampe zum Stahlwerk Chengde, 26.08.2005

Nach dem wir einen weiteren Zug bei besseren Lichtverhältnissen aufnehmen (Bild 6), folgen wir der Strecke durch den Tunnel, dort treffen wir auf eine ältere Frau, die heruntergefallene Kohlebrocken aufliest. Nach dem Scheiteltunnel verläuft die Strecke in einer Hochebene, wo wir den nächsten Dampfzug inmitten der allgegenwärtigen Mais- und Sonnenblumenfelder aufnehmen.Die Schiebelokomotiven haben unmittelbar hinter dem Scheiteltunnel abgekoppelt. Wir gehen bei brütender Hitze wieder zurück zum Scheiteltunnel, wo ich im Schatten des Tunnelportals bis zum nächsten Zug etwas Siesta halte.

Als der nächste Zug zu hören ist, suchen wir uns wieder eine Fotoposition hinter der Tunnelausfahrt. Doch plötzlich verstummen die angestrengten Auspuffschläge im Tunnel, der Zug bleibt liegen. Nach ein paar Minuten ein erneutes Aufbäumen der drei Maschinen. Mit gigantischem Getöse gelingt es den schleudernden Zug hinter dem Tunnel in Fahrt zu bringen. Die Tunnelwände lassen den Spuk widerhallen. Nur Sebastian als Filmer konnte die Akustik neben den Bildern mit festhalten. Jetzt kommt die Vorspannlok um die Ecke, eine Paradelok der Reihe SY mit Messinglettern auf rotem Untergrund an der Front. Im Einschnitt neben unserem Standpunkt kommt der Güterzug zum Halten und die Schiebeloks werden abgekoppelt. Danach haben die Personale auf dem geraden Abschnitt ein leichtes Spiel den Zug ins Rollen zu bringen. Wir laufen durch den ersten Tunnel zurück und warten über zwischen den beiden Tunnel auf dem Portal, wo wir den nächsten Zug aufnehmen. Im engen Einschnitt zwischen beiden Tunnel steht direkt ein Wohnhaus mit Wäsche im Vorgarten, die mit Sicherheit nicht mehr weiß wird. Anschließend machen wir die nächsten Fotos in der Hochebene. Diesmal ein Zug der die Schiebeloks bis in den Vorbahnhof des Stahlwerks mitführt (Bild 7).

Bild 7: JS 6368 auf der Hochebene auf dem Weg zum Stahlwerk Chengde, 26.08.2001

Anschließend fahren wir hinunter nach Chengde beziehen am Abend Stellung an der aus vielen China-Bahnbildbänden bekannten Brücke am WuLie-River. Leider kommt nur eine Dampflok ohne Zug vorbei. Am Abend durchstreifen wir die Stadt und suchen uns ein Lokal zum Essen und machen noch einen nächtlichen Rundgang durch das Bahnhofsgelände, das eigentlich durch Bahnsteigsperren abgeteilt ist. Auch in der folgenden Nacht liege ich wieder die meiste Zeit wach.